Blaulicht von Bildschirmen wirkt sich zwar auf Melatonin aus, doch das Ausmaß dieses Effekts – und inwieweit er tatsächlich für den Schlaf von Bedeutung ist – wird im Vergleich zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen oft übertrieben dargestellt.
Brillen mit Blaulichtfilter haben sich zu einer eigenständigen Produktkategorie entwickelt, der Nachtmodus ist mittlerweile auf fast jedem Smartphone die Standardeinstellung, und „das Handy vor dem Schlafengehen weglegen“ gehört mittlerweile zu den am häufigsten wiederholten Schlaftipps überhaupt. Die zugrunde liegende biologische Tatsache ist real – blaue Wellenlängen unterdrücken die Melatoninproduktion stärker als andere Lichtfarben –, doch das Ausmaß dieses Effekts und inwieweit er typische Schlafprobleme tatsächlich erklärt, ist deutlich geringer, als die gängige Meinung vermuten lässt.
Warum gerade blaue Wellenlängen die innere Uhr des Körpers beeinflussen
Die Netzhaut enthält spezielle lichtempfindliche Zellen, die sich von den für das Sehen zuständigen Stäbchen und Zapfen unterscheiden und besonders empfindlich auf blaue Wellenlängen im Bereich von etwa 460 bis 480 Nanometern reagieren. Diese Zellen sind direkt mit der zentralen circadianen Uhr des Gehirns, dem suprachiasmatischen Nucleus, verbunden, der dieses Signal nutzt, um den Zeitpunkt der Melatoninausschüttung zu regulieren. Tagsüber ist dies ein äußerst nützliches System – es trägt dazu bei, dass das Gehirn Tag und Nacht unterscheiden kann –, doch es bedeutet auch, dass die Einwirkung von blau-reichem Licht am Abend ein Signal „Es ist noch Tag“ aussenden kann, das den natürlichen Anstieg des Melatoninspiegels verzögert.
Was die Forschung tatsächlich über Bildschirme zeigt
Wo die gängige Darstellung oft zu weit geht, ist die Gleichsetzung eines Smartphone- oder Laptop-Bildschirms mit einem Stadionflutlicht. Bildschirme strahlen insgesamt weit weniger Licht aus als die Beleuchtung in Innenräumen oder – insbesondere – das Tageslicht im Freien, und mehrere Studien legen nahe, dass die Verzögerung des Melatoninanstiegs durch die typische Bildschirmnutzung am Abend zwar messbar, aber gering ist – oft handelt es sich eher um Minuten als um Stunden –, zumindest für die meisten Menschen, die Bildschirme bei typischer Helligkeit und aus typischem Betrachtungsabstand nutzen. Die psychologischen und verhaltensbezogenen Aspekte der Bildschirmnutzung vor dem Schlafengehen – anregende Inhalte, belastende Nachrichten, „Doom-Scrolling“ oder einfach das längere Aufbleiben aufgrund fesselnder Inhalte – spielen wahrscheinlich eine mindestens ebenso große Rolle bei Schlafstörungen wie das Licht selbst.
Helfen Blaulichtfilterbrillen und der Nachtmodus tatsächlich?
Einstellungen im Nachtmodus, die die Farbtemperatur eines Bildschirms in Richtung wärmerer, weniger blau-lastiger Töne verschieben, haben in der Forschung gemischte Ergebnisse gezeigt – einige Studien stellen einen geringen Nutzen für den Melatoninspiegel fest, während andere keinen signifikanten Unterschied im Vergleich zu Standard-Bildschirmeinstellungen feststellen, insbesondere bei typischen Helligkeitsstufen am Abend. Auch bei Blaulichtfilterbrillen ergibt sich ein ähnlich gemischtes Bild: Sie können einen geringen Nutzen für Menschen bieten, die besonders lichtempfindlich sind oder Bildschirme kurz vor dem Schlafengehen über längere Zeiträume mit hoher Helligkeit nutzen, aber sie sind für sich genommen wahrscheinlich keine vollständige Lösung, insbesondere wenn die Bildschirmzeit selbst Zeit verdrängt, die sonst zum Entspannen genutzt würde.
Die gesamte Lichtexposition ist wichtiger als die Farbe allein
Die Gesamthelligkeit (oft in Lux gemessen) scheint mindestens ebenso wichtig zu sein wie die spezifische Wellenlängenzusammensetzung des Lichts. Eine schwache, warmtonige Lampe, die aus nächster Nähe genutzt wird, kann in manchen Fällen die Melatoninausschüttung stärker unterdrücken als ein heller, aber weit entfernter Bildschirm – einfach aufgrund der Gesamtlichtmenge, die das Auge erreicht. Dies ist einer der Gründe, warum pauschale Ratschläge wie „Vermeiden Sie alle Bildschirme vor dem Schlafengehen“ das Gesamtbild verfehlen können – das Dimmen der gesamten Raumbeleuchtung am Abend, unabhängig von der Lichtquelle, hat wahrscheinlich einen bedeutenderen Effekt als das übermäßige Fixieren auf die Farbtemperatur eines einzelnen Geräts.
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